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Ist Sufismus Bid'ah? PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Euro-Sunni   
Samstag, den 31. Oktober 2009 um 15:03 Uhr

Wie würden sie auf die Behauptung reagieren, dass Sufismus Bid‛a sei?

Scheich Nuh Ha Mim Keller

Übersetzt von der Ahlu Sunnah Schura

Ich würde antworten, indem ich darauf schaue, wie die traditionellen ‛Ulamā’ oder islamischen Gelehrten dies betrachtet haben. Innerhalb des längsten Zeitraums der Islamischen Geschichte - von der Zeit der Umayyaden bis zu den Abbasīden den Mameluken, bis zum Ende der 600- jährigen Osmanischen Periode - wurde der Sufismus gelehrt und als eine islamische Disziplin verstanden, genau wie die Auslegung des Koran (Tafsīr), Hadith, Koranrezitation (Tağwīd), Grundsätze des Glaubens (‛Ilm at-tawĥīd), jene Grundsätze, die einige detaillierte Aspekte der Religion (Din) des Islam aufbewahren. Die Einzelheiten und Terminologien dieser Scharia- Disziplinen waren den ersten Generationen der Muslime unbekannt und als diese entstanden, wurden sie nicht rücksichtslos als Bid‛a oder „tadelnswerte Erneuerung“ von den ‛Ulamā’ der Scharia bezeichnet, weil nach ihnen Bid‛a sich nicht auf die Mittel bezieht, sondern vielmehr auf die Ziele, welchen im Islam keine Rechtsgültigkeit besitzen.

Um diesen Punkt zu erläutern, müssen wir bemerken, dass der Prophet صلى الله عليه وسلم nie in seinem Leben in einer Moschee betete, die aus Stahlbeton gebaut war, mit einem Teppich belegten Flur, gläsernen Fenstern usw. Dennoch sind dies keine rücksichtslosen Bid‛a, weil uns Muslimen befohlen wird, bei den Gebeten in den Moscheen zusammen zu kommen und die neuen großen Gebäude sind lediglich ein Mittel dafür, diesen Befehl auszuführen.

Im Bereich der Wissenschaft waren Bücher mit den detaillierten Auslegungen des Koran, Vers bei Vers und Suren bei Suren unbekannt, auch war die Bezeichnung des Tafsīr nicht bekannt. Als die Tafsir- Literatur entstand, war es von Nutzen, die grundlegenden Aspekte der Offenbarung und das Verständnis des Korans zu bewahren. Es wurde von der Scharia als nützlich anerkannt bzw. unterstützt und nicht als Bida’a verurteilt. Dasselbe trifft auf die meisten Islamischen Wissenschaften zu, wie ‛Ilm al-Ğarĥ wa ta‛dīl, die Wissenschaft des Abwiegens der positiven und negativen Faktoren bei der Beurteilung der Zuverlässigkeit der Hadith-Überlieferer oder ‛Ilm at-Tawĥīd, die Wissenschaft über die Glaubensgrundsätze des Islam und andere wesentliche Disziplinen der Scharia. In Zusammenhang damit sagte Imām Schāfi‛ī (204/820): „Alles was in der Scharia eine Bestätigung (mustanad) findet, ist keine Bida’a, auch wenn es die früheren Muslime nicht ausgeführt haben.“ (Ahmad al-Ghumārī, Tashnīf al-adhā n, Kairo: Maktabat al-Khanjī,n.d., 133)

Dementsprechend entstand ‛Ilm al-Taśawwuf, „die Wissenschaft des Sufismus“, um den besonderen Aspekt der Scharia, die Aufrichtigkeit, „Ikhlās“, zu bewahren und zu fördern. Es war bekannt, dass die Sunna des Propheten صلى الله عليه وسلم nicht nur Wörter und Handlungen sind, sondern auch Stadien des Seins beinhaltet, sprich dass ein Muslim nicht nur einige Dinge sagen und tun muss, sondern auch etwas sein muss. Die Scharia befiehlt, wie in einigen Koran-Ayāt und Ahadith, Allah zu fürchten, Ihm gegenüber aufrichtig zu sein, in dem Wissen über Allah, dem Einzigen, so sicher zu sein, dass man ihn so anbetet, als ob man ihn sieht, den Propheten صلى الله عليه وسلم mehr als jeden anderen Menschen zu lieben, allen Muslimen Liebe und Respekt zu zeigen, barmherzig zu sein und dass das Herz noch viele andere Zustände hat. Es sind uns auch innere Zustände wie Neid, osheit, Arroganz, Liebe zu weltlichen Angelegenheiten, Verärgerungen zum Wohle des Nafs usw. verboten. Al-Ĥakīm al-Tirmidhī berichtete mit einer starken authentischen (saĥīĥ) Überlieferungskette von Ibn Māğa diesen Hadith: „Zorn verdirbt den Glauben (Iman), wie [die Bitterkeit eines] Aloesaft (Pflanzenart) den Honig verdirbt.“ (Nawādir al-usūl. Istanbul 1294/1877. Neuauflage.)

Wenn wir über diese Zustände nachdenken, sind wir verpflichtet, diese zu erreichen oder zu beseitigen. Wir haben zur Kenntnis genommen, dass man durch diese Veranlagungen voranschreitet. Diese Veranlagungen fehlen nicht nur in den sündhaften Herzen und können nur mit einigen Anstrengungen erreicht werden, daraus ergibt sich solch eine kräftige Veränderung des Menschen, so dass der Koran diese Bezeichnungen in vielen Versen Erläutert. So, wie Allah in der Surat al-A‛lā Folgendes sagt: „Wahrlich, derjenige wird Erfolg haben, der sich reinigt“ (Koran 87:14). Das Herbeiführen dieser Veränderungen resultiert aus den Bestrebungen in der Islamischen Wissenschaft des Sufismus und dies kann nicht als Bida’a bezeichnet werden, weil die Schariah uns das Vollbringen dieser Veränderungen befiehlt.

Auf der praktischen Ebene ist die Beschaffenheit dieser Wissenschaft, die Reinigung des Herzens (im Grunde genommen wie all die anderen traditionellen Islamischen Disziplinen) solchermaßen, dass dieses Wissen erforderlichenfalls nur von jenen genommen werden kann, welche auch diese Eigenschaften besitzen. Dies ist auch der Grund, dass so viele der Islamischen Gelehrten, welchen Allah Tawfīq (Erfolge) in ihren Arbeiten schenkte, Sufis waren. Tatsächlich ist es so, dass wenn man jede traditionelle Arbeit der Islamwissenschaft wegwerfen würde, deren Verfasser jene gebildete Sufis waren, so würde man 75% der Bücher im Islam oder mehr aufgeben. Diese Menschen waren solche Gelehrte wie der Hanafī Imām Muhammed Amin Ibn ‛Abidin, Sheikh al-Islam Zakariā al-Ansarī, Imām Ibn Daqiq al-Eid, Imām al-‛Izz b. ‛Abd al-Salām, ‛Abd al-Ghaniyy al-Nāblusī , Sheikh Aĥmed al-Sirhindī, Sheikh Ibrahim al-Bādschurī, Imām al-Ghazāli, Schah Waliyy Allah al-Dahlawī, Imām al-Nawawī (der Hadith Meister, Hafiz, ca. 100 000 Hadithe aus dem Gedächtnis), ‛Abd al-‛Ażim al-Mundhirī, der Hadith Meister Murtada al-Zabīdī, der Hadith Meister ‛Abd al-Ra’ūf al-Manāwī, der Hadith Meister Ğalāl ad-Dīn al-Suyūtī, der Hadith Meister Taqiyy ad-Dīn as-Subkī, Imām al-Rāfi’ī, Imām Ibn Hağar al-Haytamī, Zayn ad-Din al-Mallibarī, Ahmed b. Naqib al-Misrī und noch viele mehr.

Imām al-Nawawīs Einstellung gegenüber dem Sufismus wird klar in seinem Werk Bustā n al-‛Ārifīn [Die Gärten der Allah Erkennenden], auch durch die durchgehenden Verweise auf al-Qusharyīs berühmtes Sufi-Handbuch al-Risala al-Qushayriyya in seinem eigenen Werk Kitāb al-adhkār [Buch der Erinnerung an Allah] und auch durch die Tatsache, dass 15 von 17 Zitaten in einem einleitenden Abschnitt seines größten Rechts-Werkes(al-Mağmu‛: scharĥ al-Muhadhdhab 20 Bände, Kairo Neuauflage. Medinah: al-Maktaba al-Salafiyya, n.d. 1.1718) über Aufrichtigkeit (Ikhlas) und Wahrhaftigkeit (Śidq) von Sufis handeln, welche namentlich erwähnt werden in al-Sullamīs Tabaqāt al-Śū fiyya [Die folgenden Generationen von Sufis]. Sogar Ibn Taymiyya (dessen Ansichten über Sufismus selbst denen eigenartig und ungewohnt erscheinen, die ihn als ihren “Scheich al Islam“bezeichnen) widmete Band 10 und 11 aus seinem Mağmu‛ al-Fatāwa dem Sufismus, während sein Schüler Ibn Qayyim al-Ğawziyya seine drei Bände Madariğ al-Sālikīn, als einen ausführlichen Kommentar zu Abdullah al-Anaris Manāzil a-Sa’irīn, die Richtschnur der Maqāmāt „Spirituelle Stadien“ des Sufi Wegs schrieb. Diese und viele andere Muslimischen Gelehrte schätzten aus erster Hand den Sufismus als eine zusätzliche Scharia-Disziplin, die zur Reinigung des Herzens benötigt wird. Dies war der Grund, dass die Umma als Ganze den Sufismus in den Zeitaltern der Islamischen Zivilisationen nicht als Bid‛a bewerteten, vielmehr erkannten sie ihn als die Wissenschaft des Ikhlas „Aufrichtigkeit“ an, was vordringlich von jedem Muslim benötigt wird. „Der Tag, da weder Besitz noch Söhne hilfreich sein werden, sondern nur der (gerettet werden wird), der ein heiles Herz zu Allah bringt.“ (26/88-89). Allein Allah schenkt Erfolg.

Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 31. Oktober 2009 um 15:19 Uhr